Vergleich Islam und Christentum

(1) Welche Gemeinsamkeiten haben Islam und christlicher Glaube?

Ich betone hier die Gemeinsamkeiten ein wenig, auch wenn sich die konkreten Vorstellungen in den einzelnen Punkten durchaus unterscheiden.


(a) Es gibt nur einen Gott, der die Welt regiert, Schöpfer der Welt und damit auch des Menschen ist.

Beispiel aus dem Koran:

"Und euer Gott ist ein einziger Gott, es gibt keinen Gott außer Ihm, dem Erbarmer, dem Barmherzigen. In der Erschaffung der Himmel und der Erde; Im Aufeinanderfolgen von Nacht und Tag; in den Schiffen, die auf dem Meer fahren mit dem, was den Menschen nützt; im Wasser, das Gott vom Himmel herabkommen läßt ... (in alledem) sind Zeichen für Leute, die verständig sind." (Sure 2,163-164)


Beispiele aus der Bibel:

Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr, kein Gott ist außer mir. Ich habe dich gerüstet, obgleich du mich nicht kanntest.

Unser Herr ist groß und von großer Kraft, und unbegreiflich ist, wie er regiert.

Durch den Glauben erkennen wir, daß die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, so daß alles, was man sieht, aus nichts geworden ist.

Gedenke, wie kurz mein Leben ist, wie vergänglich du alle Menschen geschaffen hast!


(b) Gott ist von den Menschen ohne eine spezielle Offenbarung nur als Schöpfer erkennbar. Der Mensch weiß nur mehr von Gott, wenn dieser sich offenbart. Die Offenbarung ist in einer Schrift dokumentiert.

Beispiele aus dem Koran:

"Zu seinen [Gottes] Zeichen gehört die Erschaffung der Erde, und auch die Verschiedenheit eurer Sprachen und Arten. Darin sind Zeichen für die Wissenden. ... Darin sind Zeichen für Leute, die Verstand haben." (Sure 30,22.24b)

"Herabsendung von dem Erbarmer, dem Barmherzigen, ein Buch, dessen Zeichen im einzelnen dargelegt sind, als arabischer Koran, für Leute, die Bescheid wissen, als Freudenbote und Warner." (Sure 41,2-4a)

Beispiele aus der Bibel:

Denn Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt ersehen aus seinen Werken, wenn man sie wahrnimmt, so daß sie keine Entschuldigung haben.

Um so fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, daß ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen. Und das sollt ihr vor allem wissen, daß keine Weissagung in der Schrift eine Sache eigener Auslegung ist. Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben von dem heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet.


(c) Es besteht eine moralische Forderung von Gott an den Menschen. Sünde hat eine Konsequenz, wenn keine Vergebung erfolgt. Vergebung erfährt nur der, der in rechter Weise glaubt.

Beispiele aus dem Koran:

"Gott läßt diejenigen, die glauben und die gute Werke tun, in Gärten eingehen, unter denen Bäche fließen. Diejenigen aber, die ungläubig sind, genießen und essen, wie das Vieh frißt; das Feuer ist ihre Bleibe." (Sure 47,12b)

"Ihr sollt an Gott und seinen Gesandten glauben, euch auf dem Weg Gottes mit eurem Vermögen und mit eigener Person einsetzen – das ist besser für euch, so ihr Bescheid wißt -, dann wird Er euch eure Sünden vergeben." (Sure 61,11-12a)

Beispiele aus der Bibel:

Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.

Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.


(d) Es gibt einen doppelten Ausgang der Weltgeschichte. D.h. es wird eine ewige Existenz der einen in einer Hölle geben und der anderen im Paradies. Die Haltung des Menschen gegenüber Gott entscheidet in diesem Leben über den Ausgang.

Beispiel aus dem Koran:

"Siehe, wer als Übeltäter zu seinem Herrn kommt, erhält die Hölle; darin wird er weder sterben noch leben. Diejenigen, die zu ihm als Gläubige kommen, welche, die gute Werke getan haben, erhalten die höchste Rangstufe, die Gärten von Eden, unter denen die Bäche fließen; darin werden sie ewig weilen. Das ist der Lohn derer, die sich läutern." (Sure 20,74-76)

Beispiel aus der Bibel:

Wie man nun das Unkraut ausjätet und mit Feuer verbrennt, so wird's auch am Ende der Welt gehen. Der Menschensohn wird seine Engel senden, und sie werden sammeln aus seinem Reich alles, was zum Abfall verführt, und die da Unrecht tun, und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird Heulen und Zähneklappern sein. Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich. Wer Ohren hat, der höre!


(2) Welche Unterschiede haben Islam und christlicher Glaube?

(a) Sünde und ihre Folgen

Nach christlicher Auffassung ist der Mensch seit dem Sündenfall als Sünder geboren und sein Leben ist von der Sünde gekennzeichnet. Die Auswirkung der Sünde ist die Zerstörung der Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen:

Siehe, ich bin als Sünder geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen.

Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.

Denn ich weiß, daß in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.

Diese Sünde zieht zwangsläufig das Gericht Gottes nach sich (vgl. 1c). Aus christlicher Sicht wird Sünde in jedem Fall auch gesühnt. Entweder der Sünder muß das Gericht Gottes selbst tragen (vgl. 1c) oder er beruft sich auf Jesus Christus, der stellvertretend für die Sünde der Menschen starb. Im 2. Korintherbrief wird dies wie folgt formuliert:

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Die Haltung des Islam faßt der deutsche Muslim Murad Hoffmann in folgende Worte:

"Nach koranischer Schilderung verzieh Gott Adam und Eva, statt sie und ihre Nachkommen zu verdammen (2: 37; 20: 122). Die fatalistische Annahme einer die Menschheit belastenden ‚Erbsünde‘ erscheint Muslimen nicht nur deshalb unhaltbar: Der Koran stellt klar, dass jeder nur nach eigenem Verdienst und Vergehen beurteilt wird; keiner hat zu verantworten, was ein anderer angerichtet hat (10: 41)."

Die Sünde der Menschen wird im Islam den Menschen nur nachgelassen und nicht stellvertretend gesühnt, ist eine Heilsgewißheit letztlich nicht wirklich möglich. In einer islamischen Überlieferung, der sog. Hadith nach Bukhari (er lebte 810 – 870 n. Chr.) wird dies wie folgt formuliert:

"Es waren zwei Männer ... .Der eine pflegte zu sündigen, der andere war eifrig in der Frömmigkeit. ... Gott nahm ihre Geister fort. Sie trafen beim Herrn der Welten zusammen. Dieser sagte zu dem Eifrigen: Wußtest du über mich Bescheid? Oder verfügtest du über das, was in meiner Hand liegt? Und er sagte zum Sünder: Geh, tritt ein ins Paradies aus Barmherzigkeit von mir. Und er sagte zum anderen: Bringt ihn ins Höllenfeuer. Gott sagt: Ich habe meinen rechtschaffenen Dienern bereitet, was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört und keinem Menschen in den Sinn gekommen ist."

Heilsgewißheit gibt es nur für Märtyrer:

"Denen, die auf dem Weg Gottes getötet werden, läßt Er ihre Werke niemals fehlgehen. Er wird sie rechtleiten und ihre Angelegenheiten in Ordnung bringen, sie ins Paradies eingehen lassen, das Er ihnen zu erkennen gegeben hat." (Sure 47,4b-6)


(b) Jesus Christus

In der Beurteilung der Person Jesu gibt es zwischen dem Islam und dem christlichen Glauben durchaus Parallelen. Sowohl die Bibel als auch der Koran sprechen von Jesus Christus als einem Propheten (z.B. Sure 33,7 und Apostelgeschichte 3,12-26) und bestätigen die jungfräuliche Geburt Jesu (z.B. Sure 19,20-22; 21,91 und Matthäus 1,22-23). Islamische Autoren verweisen deshalb gerne auf diesen Umstand. Murad Hofmann schreibt dazu:

"Die Muslime sind insofern am großherzigsten. Der Koran erwähnt 25 Propheten – von Adam ... bis zu Johannes dem Täufer und Jesus. Damit erkennen sie grundsätzlich alle biblischen Propheten an (2: 136; 3: 84; 29: 46). Aus muslimischer Sicht ist die Anerkennung eines Menschen als Prophet die höchstmögliche Wertschätzung."

Aussagen wie diese täuschen aber ein Maß an Übereinstimmung vor, das gar nicht existiert. Zum einen werden im Koran Personen als Propheten gewertet, die in der Bibel nicht als solche gelten (z.B. Adam), und zum anderen werden die biblischen Berichte von bzw. über die Propheten nicht anerkannt (vgl. 2d). Dies führt zu eines völlig anderen Beschreibung historischer Ereignisse. Am deutlichsten wird dies in der Leugnung des Kreuzestodes Jesu:

"(Verflucht wurden sie,)... weil sie sagten: ‚Wir haben den Christus Jesus, den Sohn Marias, den Gesandten Gottes, getötet.‘ – Sie haben ihn aber nicht getötet, und sie haben ihn nicht gekreuzigt, sondern es erschien ihnen eine ihm ähnliche Gestalt." (Sure 4,157)

Diese Leugnung des Todes Jesu am Kreuz steht nicht nur im Widerspruch zu unzählichen Aussagen der Bibel, sondern auch zu den Aussagen nichtchristlicher Autoren, wie dem jüdisch-römischen Historiker Josephus in seinem Werk "Jüdische Altertümer", wo es heißt:

"Um diese Zeit lebte Jesus, ... Und obgleich ihn Pilatus auf Betreiben der Vornehmsten unseres Volkes zum Kreuzestod verurteilte, wurden doch seine früheren Anhänger ihm nicht untreu."

Auch im jüdischen Talmud heißt es im Traktat Sanhedrin 43a:

"Dagegen wird gelehrt: Am Vorabend des Pesachfestes haben sie Jesus gehängt".

Es ist markant, daß der Koran nicht etwa die Auferstehung, sondern den Kreuzestod Jesu leugnet. In gleicher Weise wird auch die Verkündigung Jesu, wie sie im Neuen Testament wiedergegeben wird, verneint. Aus islamischer Sicht hatte Jesus keine göttliche Natur:

"Ungläubig sind gewiß diejenigen, die sagen: 'Gott ist Christus, der Sohn Marias'." (Sure 5,17a)

Das Neue Testament vertritt die Überzeugung, daß Jesus Christus sowohl eine menschliche (z.B. 1.Timotheus 2,5), als auch eine göttliche Natur besitzt (z.B. Johannes 1,1-18) und sich deshalb auch als Gott anreden und anbeten ließ. Nach biblischer Darstellung ist der Tod Jesu als stellvertretendes Opfer für die Sünde der Menschheit zu verstehen. Deshalb berichtet das Johannesevangelium vom Auspruch Johannes der Täufers über Jesus:

Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt [...]

Im Gegensatz zu Mohammed verweisen Autoren des Neuen Testaments auf exakte historische Nachforschungen über das Leben Jesu (z.B. Lukas 1,1-4). Mohammed trat lediglich mehr als fünf Jahrhunderte nach dem Tod Jesu auf, um entgegen den vorliegenden historischen Dokumenten als Einzelperson völlig andere geschichtliche Aussagen aufzustellen!


(c) Die Einheit Gottes

Wie unter 1a) angeführt, stimmen der Islam und der christliche Glaube darin überein, daß es nur einen Gott gibt. Strittig ist, ob es eine gewisse Differenzierung "innerhalb" der einen Gottheit gibt. Die christliche Theologie hat hier die Terminologie gefunden, daß man von einem Wesen und drei Personen der Gottheit spricht. Der Koran polemisiert scharf gegen diese christliche Lehre von der Dreieinigkeit. Interessant ist auch, daß im Koran gar nicht die in der Bibel beschriebene Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist kritisiert wird, sondern eine Kombination von Vater, Sohn und Mutter (Maria):

"Und als Gott sprach: 'O Jesus, Sohn Marias, warst du es, der zu den Menschen sagte: 'Nehmt euch neben Gott mich und meine Mutter zu Göttern?'' Er sagte: 'Preis sei Dir! Es steht mir nicht zu, zu sagen, wozu ich kein Recht habe.'" (Sure 5,116a)

Wie unter 2b) gezeigt, spricht die Bibel eindeutig von der Gottheit Jesu. Im Alten Testament wird Gott mit dem Pluralwort "elohim" bezeichnet, aber auch von der Dreieinigkeit als solcher ist die Rede, wie z.B. in folgenden trinitarischen Formeln:

Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!


(d) Offenbarung Gottes

Auch wenn es sowohl für den Islam als auch für den christlichen Glauben wesentlich ist, daß sich Gott geoffenbart hat, so gibt es doch erhebliche Unterschiede. Aus christlicher Sicht bauen die verschiedenen Offenbarungsempfänger in der Bibel aufeinander auf. Tritt jemand mit dem Anspruch auf ein Prophet zu sein, so wird von ihm erwartet, daß er sich an zwei Kriterien prüfen läßt: es wird von ihm erwartet, daß er von Gott durch übernatürliche Zeichen legitimiert wird und daß er mit den vorherigen Offenbarungsempfängern inhaltlich übereinstimmt. Als Beispiel für die Erwartung, daß ein Prophet Wunder tun können die beiden folgende Texte genannt werden:

Mose antwortete und sprach: Siehe, sie werden mir nicht glauben und nicht auf mich hören, sondern werden sagen: Der HERR ist dir nicht erschienen. Der HERR sprach zu ihm: Was hast du da in deiner Hand? Er sprach: Einen Stab. Der HERR sprach: Wirf ihn auf die Erde. Und er warf ihn auf die Erde; da ward er zur Schlange, und Mose floh vor ihr. Aber der HERR sprach zu ihm: Strecke deine Hand aus und erhasche sie beim Schwanz. Da streckte er seine Hand aus und ergriff sie, und sie ward zum Stab in seiner Hand. Und der HERR sprach: Darum werden sie glauben, daß dir erschienen ist der HERR, der Gott ihrer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs. Und der HERR sprach weiter zu ihm: Stecke deine Hand in den Bausch deines Gewandes. Und er steckte sie hinein. Und als er sie wieder herauszog, siehe, da war sie aussätzig wie Schnee. Und er sprach: Tu sie wieder in den Bausch deines Gewandes. Und er tat sie wieder hinein. Und als er sie herauszog, siehe, da war sie wieder wie sein anderes Fleisch. Und der HERR sprach: Wenn sie dir nun nicht glauben und nicht auf dich hören werden bei dem einen Zeichen, so werden sie dir doch glauben bei dem andern Zeichen. Wenn sie aber diesen zwei Zeichen nicht glauben und nicht auf dich hören werden, so nimm Wasser aus dem Nil und gieß es auf das trockene Land; dann wird das Wasser, das du aus dem Strom genommen hast, Blut werden auf dem trockenen Land.

Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.

Dagegen sind Propheten, die falsch - d.h. im Widerspruch zu vorigen Offenbarungen - lehren trotz übernatürlicher Zeichen abzulehnen:

Wenn ein Prophet oder Träumer unter euch aufsteht und dir ein Zeichen oder Wunder ankündigt und das Zeichen oder Wunder trifft ein, von dem er dir gesagt hat, und er spricht: Laß uns andern Göttern folgen, die ihr nicht kennt, und ihnen dienen, so sollst du nicht gehorchen den Worten eines solchen Propheten oder Träumers; denn der HERR, euer Gott, versucht euch, um zu erfahren, ob ihr ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele liebhabt.

In dieser Weise hat sich z.B. Jesus Christus durch Wunder ausgewiesen. Jesus selbst betont, daß er die überlieferten Offenbarungen vor seiner Zeit ausdrücklich anerkennt sind:

Ihr sollt nicht meinen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.

Das Neue Testament weist häufig darauf hin, daß sich im Leben Jesu viele Ankündigungen des Alten Testaments erfüllt haben (z.B. Geburt von einer Jungfrau [vgl. Jeremia 7,14 und Matthäus 1,20-25], oder die Geburt in Betlehem [vgl. Micha 5,1 und Matthäus 2,1]).

Ganz anders ist das Verständnis des Islam. Zwar werden im Koran ausdrücklich viele Personen, die in der Bibel vorkommen, als Propheten oder Gesandte Gottes bezeichnet (z.B. Noah, Abraham, Mose und Jesus in Sure 33,7), allerdings unterscheiden sich die Aussagen über sie erheblich. Dieser Widerspruch wurde offenbar schon zu Lebzeiten Mohammeds bemerkt, so daß sich schon im Koran der Vorwurf der Schriftverfälschung an Juden und Christen erhoben wird:

"O ihr Leute des Buches, unser Gesandter ist nunmehr zu euch gekommen, um euch vieles von dem, was ihr vom Buch geheimgehalten habt, deutlich zu machen und um vieles zu übergehen. Gekommen ist zu euch von Gott ein Licht und ein offenkundiges Buch" (Sure 5,15)

Im Koran wird das Verständnis, wie es in der Bibel vorliegt, quasi umgekehrt: Nicht mehr die neue Offenbarung muß sich an der alten messen lassen, sondern an der neuen Offenbarung soll geprüft werden, ob die alte Offenbarung korrekt überliefert wurde. Der Offenbarungsanspruch entzieht sich damit praktisch jeder Kontrolle. Das Prinzip wird wie folgt ausgedrückt:

"Und wir ließen nach ihnen Jesus, den Sohn Marias, folgen, damit er bestätige, was von der Tora vor ihm vorhanden war. ... Und Wir haben zu dir das Buch mit der Wahrheit hinabgesandt, damit es bestätige, was vom Buch vor ihm vorhanden war, und alles, was darin steht, fest in der Hand habe." (Sure 5,46-48a)

Obwohl die Offenbarung Gottes von Muslimen mit Mohammed als abgeschlossen gilt und nach Sure 30,30 die richtige Religion nicht abgeändert werden kann, und obwohl es in Sure 4,82 heißt: "Betrachten sie denn nicht sorgfältig den Koran? Wenn er von einem anderen als Gott wäre, würden sie in ihm viel Widerspruch finden", gibt es auch noch die islamische Lehre von der Abrogation, d.h. die Lehre, daß Gott seine eigene Botschaft aufhebt bzw. ändert:

"Was Wir auch an Zeichen aufheben oder der Vergessenheit preisgeben Wir bringen dafür etwas besseres oder gleiches." (Sure 2,106)

Nach diesem Prinzip gilt bei widersprüchlichen Aussagen im Koran der jüngere Vers (obwohl es nicht immer eindeutig ist, in welcher zeitlichen Abfolge die Verse entstanden sind).


(3) Zusammenfassung

Der Hauptunterschied zwischen dem Islam und dem christlichen Glauben ist die Bewertung der Person und des Werkes Christi. Aus christlicher Sicht ist Jesus Christus der Sohn Gottes, der die Sünde der Welt trägt. Auf ihn hin ist die gesamte Offenbarungsgeschichte Gottes ausgerichtet. Er ist die Zentralfigur des Glaubens. Er war an der Erschaffung der Welt beteiligt (z.B. Koloseer 1,16) und wird die Welt richten (z.B. Matthäus 25,31-33). Für den Islam ist er zwar eine besondere Persönlichkeit auch unterer den Propheten, sein Werk wird aber verneint. In der Bibel wird eine große Zahl von Zeugen aufgeführt und eine Kontrolle der Propheten, sowohl durch Verheißung und Erfüllung, als auch durch Zeichen und Wunder ermöglicht. Die Aussagen des Koran stehen und fallen hingegen lediglich mit dem Anspruch einer Person, daß Gott zu ihr gesprochen haben soll. Von diesem Anspruch her wird dann Kritik an historischen Dokumenten geübt, die nicht überzeugend ist.

Hermann Mühlich


Bibelstellen:
2.Mose 4,1-9; 5.Mose 13,2-4; Psalm 51,7; Psalm 89,48; Psalm 147,5; Jesaja 45,5; Jeremia 7,14; Micha 5,1; Matthäus 1,2-6; Matthäus 1,20-25; Matthäus 1,22-23; Matthäus 2,1; Matthäus 5,17; Matthäus 13,40-43; Matthäus 25,31-33; Matthäus 28,19; Markus 16,16; Lukas 1,1-4; Johannes 1,1-18; Johannes 1,29; Apostelgeschichte 3,12-26; Römer 1,20; Römer 3,11-12; Römer 7,18-19; 2.Korinther 5,19-21; 2.Korinther 13,13; 1.Timotheus 2,5; Hebräer 11,3; 2.Petrus 1,19-21; 1.Johannes 1,9

www.nikodemus.net
© 2002 Nikodemus.Net